Auf dem langen Weg zurück nach Hause, habe ich mir mein Krankenhausbett mit Bildern und Luftballons verschönert
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Der lange Weg zurück nach Hause

4. April 2018

Der Weg raus aus dem Krankenhaus nach Hause hat insgesamt 5 Monate gedauert und war alles andere als ein Kinderspiel.

Zuerst musste ich alle Bewegungen neu lernen. Die Physiotherapeuten fingen damit an, mich auf ein Stehbrett zu stellen, damit der Körper und der Kreislauf sich langsam wieder an die Senkrechte gewöhnten. Dazu wird man auf eine Liege gelegt und an mehreren Stellen durch dicke Gurte gesichert. Dann kippt dieses Brett langsam nach vorne, bis man quasi steht, aber durch die Gurte immer noch gehalten wird. Ich konnte gar nicht glauben wie anstrengend das war. Obwohl ich nur ca. 9 Wochen lang lag, kam es mir vor als wäre ich noch nie in meinem Leben auf meinen eigenen Beinen gestanden. Genauso ging es mir mit dem Sitzen. Obwohl mich 2 Therapeuten gehalten haben, gelang es mir anfangs überhaupt nicht, nur annähernd selbst zu sitzen. Vom „alleine Aufsetzen“  will ich gar nicht erst anfangen. Bis ich das konnte vergingen ungefähr 12 Wochen.  Zur Kräftigung der Muskulatur wurde ich zusätzlich für 30 Minuten täglich (länger habe ich es nicht ausgehalten)  in einen Rollstuhl gesetzt und musste mehrmals die Woche mit einem Bettfahrrad trainieren, quasi Fahrrad fahren im Liegen.

Wieder seinen eigenen Weg gehen können

Nach einiger Zeit sollte ich natürlich auch wieder anfangen zu laufen. Dazu wurde ich mit verschiedenen Hilfsmitteln, wie zum Beispiel einem Gehwegen und später einem Rollator, ausgestattet. Jeden Tag kam ein Physiotherapeut und hat mit mir geübt. Alleine aufstehen konnte ich nicht, also wurde ich hochgehoben und in diesen Gehwagen gestellt. Anfangs konnte ich vielleicht zwei Schritte machen und war danach total erschöpft. Aber mit der täglichen Übung gelangen mir immer mehr Schritte. Nach einiger Zeit verlagerten wir das Training auf die Krankenhausflure, dort schaffte ich dann einen Weg von ca. 20 Meter alleine mit dem Gehwagen. Die restliche Zeit hatte ich einen elektrischen Rollstuhl, mit dem ich ein bisschen mobil war. Natürlich war ich aber darauf angewiesen, das eine Pflegeschwester Zeit hatte mich in diesen Rollstuhl zu setzen. Diese Abhängigkeit war in dieser Zeit eines der schlimmsten Dinge für mich.

Alleine Aufstehen – gar nicht so einfach

Auch alleine Aufstehen wurde mir erst wieder beigebracht und es ist wirklich sehr zermürbend, wenn du das was du dein Leben lang ganz selbstverständlich gemacht hast, nicht mehr auf die Reihe bekommst. Wenn man aufsteht, lehnt man seinen Oberkörper ganz automatisch nach vorne und verlagert so seinen Schwerpunkt. Dann benutzt man noch seine Waden- und Oberschenkelmuskel und steht auf. Kein großes Ding! DENKST DU!

Ich wäre fast daran verzweifelt, weil ich es einfach nicht geschafft habe. Mein Körper wollte nicht und mein Gehirn hat dieses einfache Bewegungsschema nicht kapiert. Nur durch die Motivation meiner Therapeuten und hartnäckiges Üben gelang es mir eines Tages einigermaßen von selbst aufzustehen. Ab da wollte ich auch keinen Rollstuhl mehr. Ich sagte meinen Therapeuten, sie sollen ihn mitnehmen, ab jetzt laufe ich. Das war sozusagen ein Durchbruch und es ging weiter Bergauf.

Geschmacksstörungen – wenn nichts mehr schmeckt

Nach der Transplantation litt ich massiv unter Geschmacksstörungen, ich bekam einfach nichts runter, es war wirklich die Hölle. Im Krankenhaus musst du aber essen, oder sie ernähren dich mittels Magensonde. Diese hatte ich aber wirklich lange genug, so dass ich mich zum Essen zwang. Einige Zeit hielt ich mich mit hochkalorischer Trinknahrung über Wasser und fing langsam an Joghurt zu essen. Aber auch dieser war schon sehr an der Grenze zum Ekligen. Am schlimmsten war das Krankenhaus- und Kioskessen. Das konnte ich nicht mal riechen, ohne dass mir davon schlecht wurde. Es war verzwickt.

Die Psychologin dort, verschaffte mir nach einigen Gesprächen einen eigenen kleinen Kühlschrank, dort konnte ich mir dann eigene Lebensmittel und Getränke von Freuden und Familie mitbringen lassen. Am besten schmeckte der Eistee einer bekannten Marke, ungarische Salami und Pudding. Insgesamt nahm ich dadurch noch einmal ca. 15 kg ab. Diese Geschmacksstörungen halten in kleiner Form bis heute an, aber es wird immer besser. Ich versuche so oft wie möglich auch Lebensmittel zu essen die komisch schmecken, wie zum Beispiel Zwiebeln, um mich wieder daran zu gewöhnen. Damit habe ich guten Erfolg, mittlerweile geht nur noch gekochtes Eiweiß nicht. Warum es zu diesen Veränderungen kam, konnte übrigens keiner der Ärzte bis heute richtig aufklären.

Ohne Freunde hätte ich den Weg nach Hause niemals geschafft

Immer allein in einer Klinik gefangen zu sein, sich nicht oder nur wenig bewegen zu können, nicht lesen oder richtig fernsehen zu können,  macht dich mit der Zeit depressiv und auch hoffnungslos. Darum versuchte ich so oft wie möglich liebe Menschen um mich zu haben. Nach einiger Zeit, schaffte ich es über DOODLE den Besuch meiner Familie und Freunde zu organisieren, so dass ungefähr 3-mal in der Woche jemand zu mir kam. Meist reichte es mir Andere zu sehen und ein bisschen zu reden. Oft machten wir aber mehr.

Ohne Freunde geht es nicht

Mal kam jemand mit zur Therapie oder wir setzen uns runter in den Garten/die Cafeteria. Wir übten ein bisschen aufstehen oder auch mal laufen. Einmal machten wir sogar verbotener Weise einen Ausflug durch den nahegelegenen Wald – ich wurde natürlich im Rollstuhl geschoben. Ich hatte an diesem Tag wirklich mega viel Spaß. Meine Schwester war in dieser Zeit die beste Stütze die man bekommen kann. Sie wurde vom Gericht als meine Betreuerin eingesetzt und sie organisierte wirklich alles für mich, obwohl sie bereits im letzten Drittel ihrer Schwangerschaft war. Die Weisheit: „Man merkt erst in der Not wer deine echten Freunde sind“ hat sich für mich in dieser Zeit bewahrheitet. Glücklicherweise waren es nicht viele die ich „aussortieren“ musste. Eins ist mir völlig bewusst, ohne meine Familie und meine Freunde hätte ich das alles nicht geschafft.

Aufgeben ist keine Option

Die war nur ein kleiner Einblick in das was ich alles mitgemacht habe, bis ich endlich nach Hause durfte und es hört sich vielleicht alles etwas lapidar an. Ich habe das und dies gelernt, ein bisschen Unterstützung von Familie und Freunden gehabt und zack alles war super. Heute kann ich darüber auch so reden und sogar über das eine oder andere lachen. In der Situation damals aber hat mich der Weg zurück ins Leben viel Kraft gekostet. Auch hier hat mir mein Mantra „Ich bin stärker“ geholfen.  Daran habe ich fest geglaubt. Egal wie schwer es war, ich war und bin überzeugt davon stärker zu sein. Dies habe ich mir in meinen Gedanken immer wieder gesagt. Wobei wir schon bei dem wichtigsten Punkt überhaupt auf meinem Weg nach Hause angekommen sind: Unsere Gedanken!

Unsere Gedanken beeinflussen uns jede Minute und jede Sekunde mehr als wir das selbst bemerken. Alles was ich in meinen Gedanken zulasse, hat eine Wirkung auf mich. Ob eine schlechte oder gut Wirkung, habe ich selbst in der Hand. Es gibt dafür sogar eine wissenschaftliche Theorie: Die sich selbsterfüllende Prophezeiung. Ich kann also beeinflussen wie ich mit einer schwierigen Situation umgehe, ob ich daran glaube das Alles wieder besser wird, oder ob ich aufgebe. Für mich war aufgeben keine Option!

Am Ende wird alles gut sein, und falls es nicht gut ist, ist es nicht das Ende

 

 

 

 

 

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