Wut auf meinen eigenen Körper
Nierenlebendspende | Transplantation

Wut – meine treue Begleiterin

4. Januar 2020

Das Leben eines Transplantierten ist durchaus ein schönes und sehr lebenswertes. Trotzdem ist nicht immer alles rosarot und mich begleitet immer mal wieder die gute alte Wut. Wut auf andere und Wut auf meinen Körper.

Wut auf ignorante Menschen

Seit meinen Transplantationen höre ich regelmäßig: „Jetzt hast du ja zwei neue Organe, dann muss ja alles super bei dir sein“. Da frag ich mich schon, wie sehr solche Menschen eigentlich über das Thema Transplantation Bescheid wissen. Und ob sie überhaupt denken bevor sie sprechen. Damit klar ist was ich damit meine, dass es eben viele gute, aber auch einige schlechte und anstrengende Seiten im Leben eines Transplantierten gibt, erzähle ich euch kurz was es heißt ein neues Organ zu haben.

Ich bin wütend auf ignoranten Menschen

Aus dem Leben eines Transplantierten

Der Alltag eines Transplantierten ist geprägt von Regeln und Verhaltensweisen, die unbedingt zu beachten sind. Diese muss er einhalten, um sein neues Organ so lange wie möglich zu erhalten und sich selbst so gut wie möglich zu schützen. Letztendlich geht es darum, die Gefahren der Abstoßung und der Infektion zu minimieren.

Gefahr der Abstoßung

Wenn ein Mensch ein Organ eines anderen Menschen erhält, erkennt sein Körper es als „Eindringling“ und bekämpft es. Deshalb nehme ich, so wie jeder andere Transplantierte, Immunsuppressiva – Medikamente, die das Immunsystem daran hindern aktiv gegen das neue Organ vorzugehen. Und zwar LEBENSLANG! Diese  Medikamente müssen Uhrzeit genau und sehr sorgfältig genommen werden. 2 Stunden vorher und eine Stunde danach darf man, zumindest bei Tacrolimus, nichts essen und nur Wasser trinken. Ein Vergessen kann zur Abstoßung des Transplantats führen und birgt damit die Gefahr des Versterbens in sich.

Gefahr der Infektion

Wie oben beschrieben wird das Immunsystem des Transplantierten zum Teil ausgeschaltet. Das hat natürlich zur Folge, dass es Bakterien, Pilze und Viren nicht mehr so gut abwehren kann. Häufige Infektionen gehören damit oft zum Alltag eines Transplantierten. Möchte man dies verhindern, muss man sich an einige Spielregeln halten:

  • Kein Händeschütteln
  • Mundschutz tragen
  • Häufiges Händewaschen
  • Häufiges Desinfizieren der Hände
  • Impfen
  • Öffentliche Verkehrsmittel meiden
  • Menschenmengen vermeiden
  • Keimarme Ernährung
  • Vorsichtsmaßnahmen beim Geschlechtsverkehr

um nur ein paar Dinge zu nennen.

Das klingt vielleicht im ersten Moment alles nicht so schlimm, kann aber wirklich anstrengend sein, wenn du es jeden Tag machen musst. Stell dir zum Beispiel vor, deine ganzen Freunde wollen auf den Christkindlmarkt ein Glühwein trinken gehen. Du sollst aber Menschenmassen meiden, noch dazu ist Erkältungszeit. Du kannst also entweder Mundschutz tragen oder einfach daheimbleiben, ein unbeschwertes Mitgehen ist auf jeden Fall nicht möglich.

Ein weiteres Problem von Transplantierten sind Begleiterkrankungen oder Begleitumstände, die die Transplantation mit sich bringt oder die aufgrund der Grunderkrankung bestehen.

Gesundheitliche Einschränkungen

Transplantierte Menschen sind keine gesunden Menschen, viele haben mit Begleiterkrankungen oder Begleitumständen durch die Transplantation zu kämpfen. Diese sind sehr individuell, darum erzähle ich dir von meinen Problemen.

Wie ich dir in vorangegangenen Beiträgen erzählt habe, ist Herpes oft mein Begleiter und auch unter Blasenentzündung habe ich häufig gelitten. Die Geschichte meines Fußes, der durch die Herztransplantation schwer geschädigt ist, kannst du ebenfalls nachlesen. Aber auch gegen zu hohe Harnsäure muss ich Medikamente nehmen, da die neue Niere es nicht schafft diese genügend auszuscheiden. Eine zu hohe Harnsäurekonzentration im Blut kann einen Gichtanfall auslösen, darauf kann ich gut verzichten.

Die neue Niere schafft es bei mir außerdem nicht, genug Flüssigkeit auszuscheiden, so dass ich Diuretika (Entwässerungstabletten) nehmen muss. Diese wiederrum führen dazu, dass mein Kaliumwert im Blut zu niedrig ist. Zu niedriges Kalium kann Herzrhythmusstörungen auslösen. Also nehme ich zusätzlich auch Kalium. Ich könnte diese Auflistung noch weiterführen, aber ich denke es hat verdeutlicht, wenn ich sage, Transplantierte sind keine gesunden Menschen. Glücklich vielleicht, aber nicht gesund.

Doch nicht alles super

Du kannst dir jetzt vielleicht vorstellen, dass das Leben nach einer Transplantation durchaus nicht nur super ist. Und dann zu hören, man hat ja neue Organe und „dürfte doch jetzt nichts mehr haben und soll am besten auch gar nicht mehr darüber reden“ macht mich wirklich sehr wütend. Aber auch die Unzuverlässigkeit meines Körpers macht mich immer mal wieder ärgerlich.

Wenn der Körper ausfällt

Oft ist es so, dass ich mir etwas vornehme und genau dann krank werde. Dabei spielt es auch gar keine Rolle ob ich mir etwas vorgenommen habe, was halt erledigt werden muss, wie zum Beispiel Wäsche waschen oder einen Arzttermin wahrnehmen. Oder ob es etwas ganz Schönes ist, wie ein Date mit meinem Mann oder ein Ausflug mit Freunden. Ob es nun Kopfweh, Verspannungen oder starke Migräne, Übelkeit und Durchfall sind.  Es führt immer dazu, dass ich nicht das machen kann was ich geplant habe.

Meist ist es sogar so schlimm, dass gar nichts anderes mehr möglich ist als mich hinzulegen. Gerade Migräne und Kopfweh überfallen mich mit so einer Intensität, dass ich mich mit Schlaftabletten ausknocken muss, um den „Anfall“ zu überstehen.

Auf mich selbst ist kein Verlass

Die meiste Zeit kann ich damit umgehen, akzeptiere, dass mein Körper einfach nicht kann und mache dann gar nichts außer meinem Körper Ruhe zu gönnen. Manchmal aber, überkommt mich die Wut. Wut darüber, dass es eben nicht so funktioniert wie ich es will. Das ich nicht „leisten“ kann wie andere Menschen. Ich war immer ein sehr aktiver Mensch, der auch viel und gerne gearbeitet hat. Heute bin ich davon sehr weit entfernt, darum schmerzt mich das alles manchmal umso mehr.

Auf mich selbst und meinen Körper ist kein Verlass mehr

Es ist hart zu erkennen, dass du völlig abhängig bist von dem Zustand deines Körpers. Leider habe ich im Laufe der Zeit festgestellt, dass meine Wut nur noch alles schlimmer macht. Der „schlechte körperliche Zustand“ wird dann auch noch zu einem „schlechten psychischen Zustand“. Daher habe ich mir ein paar Strategien zugelegt, die mir gut helfen.

Was du heute kannst besorgen….

Verschiebe ich dann immer auf morgen. Ich will damit sagen, ob es Wäsche ist, die Steuer, in die Arbeit oder ins Kino mit Freunden gehen, ich sage es einfach ab. Nichts ist so wichtig wie auf meine eigenen Bedürfnisse zu hören. Ich lege mich also lieber hin, oder ich mache etwas, was mich entspannt, wie zum Beispiel Yoga, Lettern, Lesen, Filme schauen. Je nachdem was mein Körper braucht. Oft hilft mir auch die gute alte Wärmflasche.

Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, auf seinen eigenen Körper zu hören und ihm das zu geben was er braucht. Ich habe nur diesen einen und er hat wahrlich genug mitgemacht. Wut darf da sein, aber es ist ganz wichtig sie wieder loszulassen und anzunehmen was ist. Wenn es dir ähnlich geht, erzähl mir doch davon, vielleicht hast du ja auch ein paar Strategien für mich!

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