Ein besonderes Buch über Organspende

Die Geschichte eines Herzens zur Organspende

Es gibt Bücher, die liest man, legt sie anschließend ins Regal und irgendwann verblasst die Erinnerung daran. Und dann gibt es Bücher, die einen nicht mehr loslassen.

„Die Geschichte eines Herzens“ von Rachel Clarke gehört für mich ganz eindeutig zur zweiten Kategorie.

Ich habe inzwischen einiges über Organspende und Transplantation gelesen. Aber ich kann tatsächlich sagen: Dieses ist für mich das beste Buch, das ich bisher zu diesem Thema gelesen habe.

Ungefähr die Hälfte des Buches habe ich weinend verbracht. Nicht, weil Rachel Clarke versucht, ihre Leser mit aller Macht zu Tränen zu rühren. Ganz im Gegenteil. Es ist die Art, wie ehrlich sie diese Geschichte erzählt. Denn Organspende und Transplantation sind genau das: tragisch, schmerzhaft und voller Trauer – und gleichzeitig voller Hoffnung, Menschlichkeit und dem unbändigen Wunsch nach Leben.

Warum mich dieses Buch so persönlich berührt

Vielleicht hat mich die Geschichte auch deshalb so tief getroffen, weil ich mich in vielem wiederfinden konnte. Ich bin selbst herz- und nierentransplantiert und wurde mit einem ähnlichen Herzfehler wie Max geboren, einer hypertrophen Kardiomyopathie.

Seine Geschichte und die Ängste und Hoffnungen seiner Familie gingen mir deshalb besonders nahe. Dieses Warten, die Unsicherheit und die Hoffnung darauf, dass ein Spenderorgan rechtzeitig kommt – all das sind Dinge, zu denen ich einen sehr persönlichen Bezug habe.

Trotzdem ist dieses Buch für mich keine Geschichte, die ausschließlich aus Sicht eines Organempfängers erzählt wird. Und genau das macht es so besonders.

Rachel Clarke schafft es, die unterschiedlichen Perspektiven von Organspende und Transplantation mit großer Sensibilität, Mitgefühl und vor allem mit Respekt zu beleuchten. Diese differenzierte und menschliche Betrachtung fehlt mir in der heutigen öffentlichen Diskussion über Organspende leider häufig.

Autorin Rachel Clarke
Dr. Rachel Clarke ist Autorin und Ärztin für Palliativmedizin. Sie hat drei Sunday-Times-Bestseller geschrieben und war unter anderem für den Costa Biography Award und den Baillie Gifford Prize nominiert. Vor ihrem Medizinstudium arbeitete Clarke als Journalistin beim Fernsehen. Ihre Texte erscheinen u. a. im Guardian, in der New York Times und der Sunday Times. 2025 wurde sie mit dem Women’s Prize For Non-Fiction ausgezeichnet. Rachel Clarke lebt in Oxfordshire.

Quelle: Rachel Clarke
Autorin Rachel Clarke
Dr. Rachel Clarke ist Autorin und Ärztin für Palliativmedizin. Sie hat drei Sunday-Times-Bestseller geschrieben und war unter anderem für den Costa Biography Award und den Baillie Gifford Prize nominiert. Vor ihrem Medizinstudium arbeitete Clarke als Journalistin beim Fernsehen. Ihre Texte erscheinen u. a. im Guardian, in der New York Times und der Sunday Times. 2025 wurde sie mit dem Women’s Prize For Non-Fiction ausgezeichnet. Rachel Clarke lebt in Oxfordshire.
Quelle: Rachel Clarke

Zwei Kinder – und zwei vollkommen unterschiedliche Hoffnungen

Im Mittelpunkt des Buches stehen Keira und Max. Rachel Clarke erzählt ihre Geschichten in zwei parallel verlaufenden Handlungssträngen und begleitet dabei unterschiedliche Stationen im Leben der beiden Kinder und ihrer Familien.

Auf der einen Seite ist Keira. Ihre Familie verliert ihr Kind auf tragische Weise und muss mitten in einer Situation unvorstellbarer Trauer eine Entscheidung über Organspende treffen. Auf der anderen Seite ist Max. Ein Kind, dessen Herz schwer krank ist und dessen Familie darauf hofft, dass rechtzeitig ein passendes Spenderherz gefunden wird.

Diese Gegenüberstellung hat mich besonders bewegt. Denn sie zeigt etwas, das in Diskussionen über Organspende manchmal verloren geht: Hinter einer Transplantation stehen immer Menschen und ihre Geschichten.

Da ist eine Familie, die einen geliebten Menschen verliert. Und gleichzeitig ist da eine andere Familie, die verzweifelt darauf hofft, ihren geliebten Menschen nicht zu verlieren. Bei einer Organspende treffen damit zwei Situationen aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten – tiefste Trauer und größte Hoffnung.

Nicht nur emotional, sondern auch medizinisch spannend

Rachel Clarke beschränkt sich jedoch nicht auf die Geschichten von Keira und Max. Zwischen den persönlichen Kapiteln nimmt sie ihre Leser immer wieder mit in die Geschichte der Transplantationsmedizin.

Sie erzählt von medizinischen, wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen, ohne die eine Herztransplantation heute überhaupt nicht möglich wäre. Dazu gehören unter anderem die Entwicklung der künstlichen Beatmung, die ersten Operationen am offenen Herzen und die Entdeckung und Weiterentwicklung der Immunsuppressiva.

Gerade diese Passagen fand ich ausgesprochen spannend. Heute erscheint vieles in der Transplantationsmedizin fast selbstverständlich. Ein Spenderorgan wird entnommen, transportiert und einem anderen Menschen transplantiert. Dahinter stehen jedoch Jahrzehnte medizinischer Forschung, mutige Ärzt und Wissenschaftler, Rückschläge, Fehlschläge und Entwicklungen, die Schritt für Schritt dazu geführt haben, dass Menschen wie Max – und auch Menschen wie ich – heute mit einem transplantierten Herzen leben können. Das vergisst man im Alltag manchmal.

Organspende ist auch eine gesellschaftliche Frage

Das Buch beschäftigt sich außerdem mit der politischen Entwicklung der Organspende in England und dem Weg von der Entscheidungslösung hin zu einer Widerspruchsregelung. Dadurch schafft Rachel Clarke etwas, das ich besonders gelungen finde: Sie verbindet die sehr persönlichen Geschichten zweier Familien mit Medizin, Wissenschaft und gesellschaftspolitischen Fragen.

Organspende wird dadurch nicht auf ein einfaches „dafür“ oder „dagegen“ reduziert. Das Thema bekommt die Tiefe, die es verdient.

Denn hinter jeder statistischen Zahl über Organspende stehen Menschen. Menschen, die gestorben sind. Angehörige, die trauern. Menschen auf Wartelisten, die hoffen. Familien, die jeden Tag Angst davor haben, dass die rettende Nachricht zu spät kommen könnte.

Wenn sich Spender- und Empfängerfamilie begegnen

Besonders emotional wird das Buch für mich noch einmal am Ende. Rachel Clarke begleitet das Treffen zwischen der Spenderfamilie und der Empfängerfamilie, die sich durch einen Zufall gefunden haben. Dieses Zusammentreffen ist schwer in Worte zu fassen. Es ist bewegend und schmerzhaft, aber gleichzeitig auch voller Wärme und Hoffnung.

Eine Organspende kann einen Verlust niemals ungeschehen machen. Keiras Familie bekommt ihr Kind dadurch nicht zurück. Und ich finde es wichtig, auch das immer wieder deutlich zu sagen. Aber aus dieser unfassbar traurigen Situation konnte gleichzeitig etwas entstehen, das einem anderen Menschen das Weiterleben ermöglicht hat.

Genau dieses Nebeneinander von Trauer und Hoffnung beschreibt Rachel Clarke für mich außergewöhnlich gut.

Ein Buch auch für Kritiker der Organspende

Ich würde dieses Buch deshalb nicht nur Transplantierten und ihren Angehörigen empfehlen. Ich würde es Menschen empfehlen, die sich zum ersten Mal ernsthaft mit Organspende beschäftigen möchten, ebenso medizinischem Fachpersonal und allen, die verstehen wollen, was Organspende für die beteiligten Familien tatsächlich bedeutet.

Und ich würde es ausdrücklich auch denjenigen empfehlen, die im Zusammenhang mit Organspende immer wieder Begriffe wie „Ausschlachten“ verwenden oder behaupten, potenzielle Organspender würden medizinisch schlechter behandelt. Gerade die Schilderung von Keiras Organentnahme hat mich sehr bewegt. Sie vermittelt, mit welcher Würde, Sorgfalt und Achtung Keira und ihrer Familie begegnet wird.

Wer bereit ist, sich ernsthaft mit dem Thema auseinanderzusetzen, sollte nach diesen Seiten zumindest einige der immer wieder verbreiteten Vorstellungen über Organspende hinterfragen.

Ein Buch, das weh tut – und gerade deshalb wichtig ist

„Die Geschichte eines Herzens“ ist kein leichtes Buch.

Es tut weh. Es macht traurig. Und es fordert einen emotional heraus.

Für mich als Herztransplantierte vielleicht noch ein bisschen mehr als für andere Leser, weil mir beim Lesen immer wieder bewusst wurde, wie eng die Geschichte eines Organempfängers mit der Geschichte eines anderen Menschen und dessen Familie verbunden ist.

Mein Leben nach der Transplantation wurde nur möglich, weil ein anderer Mensch gestorben ist und seine Organe gespendet wurden. Dieser Gedanke ist nicht immer einfach. Aber er gehört zu meiner Geschichte.

Und vielleicht ist genau das die große Stärke dieses Buches: Rachel Clarke versucht nicht, die schmerzhaften Seiten der Organspende kleiner zu machen, um ihre lebensrettende Bedeutung größer erscheinen zu lassen. Sie lässt beides nebeneinander bestehen.

Tod und Leben. Trauer und Hoffnung. Verlust und Zukunft.

Für mich ist „Die Geschichte eines Herzens“ deshalb nicht einfach nur ein Buch über Organspende. Es ist ein Buch über Menschen – über das Sterben, das Weiterleben und darüber, wie beides auf eine kaum vorstellbare Weise miteinander verbunden sein kann.

Von mir gibt es eine uneingeschränkte Leseempfehlung. ❤️

Buchcover Die Geschichte eines Herzens, Quelle: Eichborn Verlag
Quelle: Eichborn Verlag
Soziale Medien

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