Mehr als zweieinhalb Jahre hatte ich versucht, diesem Virus aus dem Weg zu gehen. Ich hatte mich isoliert, Kontakte eingeschränkt, Maske getragen, mich mehrfach impfen lassen und schließlich mit Evusheld zum ersten Mal wieder ein kleines Stück Sicherheit zurückgewonnen.
Und dann kam der Oktober 2022 – und Corona erwischte mich doch.
Zurück ins Leben – und zurück ins Ehrenamt
Nach den langen Monaten der Isolation begann auch beim Bundesverband der Organtransplantierten e.V. (BDO) langsam wieder so etwas wie Normalität einzukehren. Im September 2022 fanden Vorstandswahlen statt und ich wurde zur Vorsitzenden gewählt. Das war für mich ein wichtiger Schritt. Nach all der Zeit, in der Corona nicht nur mein Privatleben, sondern auch unsere Vereinsarbeit bestimmt hatte, wollten wir endlich wieder nach vorne schauen.
Im Oktober stand unsere Jahrestagung in Dießen am Ammersee an. Endlich wieder Menschen persönlich treffen, miteinander reden, zusammensitzen und gemeinsam arbeiten. Dinge, die früher vollkommen selbstverständlich gewesen waren, hatten plötzlich eine ganz andere Bedeutung.
Was wir zu diesem Zeitpunkt nicht wussten: Corona war bereits unter uns.
Ausgerechnet unter Transplantierten
Einer der Teilnehmer hatte das Virus mit zur Tagung gebracht und am Ende infizierte sich ein großer Teil der Anwesenden. Bis heute beschäftigt mich, wie es dazu kommen konnte. Denn wir waren keine zufällig zusammengewürfelte Reisegruppe, sondern eine Gruppe von Menschen, von denen viele transplantiert und immunsupprimiert waren. Menschen also, die sehr genau wussten, was eine Infektion bedeuten konnte.
Auch die Person, von der die Infektion vermutlich ausging, war selbst transplantiert. Offenbar waren bereits Symptome vorhanden, wurden aber ignoriert oder zumindest nicht ernst genug genommen. Das macht mich bis heute fassungslos.
Natürlich kann sich jeder mit Corona anstecken und niemand trägt Schuld daran, krank zu werden. Aber wenn ich Symptome habe und weiß, dass ich mich mit anderen Hochrisikopatient treffe, habe ich eine Verantwortung. Gerade wir Transplantierten sollten wissen, wie wichtig diese Verantwortung ist.
„Ich glaube, ich werde krank.“
Am Sonntagmorgen saß ich beim Frühstück und sagte zu den anderen: „Ich fühle mich, als ob ich krank werde.“ Es war noch nichts wirklich Greifbares, einfach dieses Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt.

Am Nachmittag machten wir uns auf den Heimweg und während der Fahrt fing der Husten an. Natürlich war Corona sofort in meinem Kopf. Gleichzeitig hoffte ich, dass es einfach nur eine Erkältung sein würde. Schließlich hatte ich über zwei Jahre alles dafür getan, mich vor genau diesem Moment zu schützen.
Am Dienstagmorgen hatte ich dann Gewissheit: Der Test war positiv. Corona. Da war es also, das Virus, vor dem ich mich zweieinhalb Jahre lang gefürchtet hatte.
Der Moment, vor dem ich jahrelang Angst hatte
Ich meldete mich sofort bei meinem Transplantationszentrum. Aufgrund meiner Immunsuppression und des damit verbundenen erhöhten Risikos wurde mir ein antivirales Medikament verschrieben. Und dann wartete ich ab, was passieren würde.
Würde es schlimmer werden? Würde mein Körper mit dem Virus zurechtkommen? Würde aus dem Husten vielleicht doch noch ein schwerer Verlauf werden? All die Ängste, die mich seit Anfang 2020 begleitet hatten, waren natürlich nicht einfach verschwunden. Aber dann geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: Es passierte nicht viel.
Der Husten hielt einige Tage an, wurde aber bereits nach ungefähr drei Tagen deutlich besser. Nach sechs Tagen fühlte ich mich eigentlich schon wieder ziemlich gut. Nur meine Tests sahen das anders. Sie blieben über drei Wochen positiv. Körperlich ging es mir zu diesem Zeitpunkt aber längst wieder gut und meine erste Corona-Infektion verlief tatsächlich sehr mild.
Ich hatte Corona – und ich hatte es überlebt
Das klingt vielleicht merkwürdig, aber neben all dem Ärger darüber, mich überhaupt angesteckt zu haben, war da noch ein anderes Gefühl: Erleichterung. Mehr als zwei Jahre hatte dieses Virus wie ein Damoklesschwert über mir geschwebt. Ich hatte Corona in meinem Kopf mit Lebensgefahr verbunden, hatte mich isoliert, Menschen gemieden und auf vieles verzichtet, weil ich nicht wusste, was passieren würde, wenn ich mich infiziere.
Und jetzt hatte ich es tatsächlich bekommen und am eigenen Körper erfahren, dass ich eine Infektion überleben kann. Natürlich wusste ich, dass dieser milde Verlauf keine Garantie dafür war, dass eine weitere Infektion genauso verlaufen würde. Und mir war auch bewusst, dass andere Transplantierte ganz andere Erfahrungen mit Corona gemacht hatten. Trotzdem änderte diese Erfahrung etwas Entscheidendes für mich. Ein großer Teil meiner Angst war plötzlich weg.
Ich wurde entspannter, wenn auch nicht sorglos. Ich hielt mich weiterhin mit sozialen Kontakten zurück und war vorsichtiger als viele andere. Aber die permanente Angst, die mich seit Beginn der Pandemie begleitet hatte, bestimmte mein Leben nicht mehr so stark.
Was die Isolation mit mir gemacht hat
Erst viel später wurde mir bewusst, dass Corona trotzdem etwas bei mir hinterlassen hatte. Und damit meine ich dieses Mal nicht das Virus selbst, sondern die Pandemie, die jahrelange Isolation und die ständige Angst vor einer Ansteckung.

Vor Corona war es für mich selbstverständlich, ins Kino zu gehen, Freunde zu treffen, unter Menschen zu sein oder einfach irgendwohin zu fahren, ohne vorher darüber nachzudenken, wie viele Menschen dort sein würden und ob mir vielleicht jemand zu nahekommen könnte. Während der Pandemie hatte ich mir viele dieser Dinge schlichtweg abgewöhnt.
Irgendwann stellte ich fest, dass ich nach Corona gar nicht wieder damit angefangen hatte. Ich war zwar nicht mehr gezwungen, zu Hause zu bleiben, aber ein Teil von mir lebte immer noch so, als wäre ich es.
Diese Erkenntnis hat mich beschäftigt. Denn erst da wurde mir wirklich klar, wie sehr mich die Jahre der Isolation und der Angst verändert hatten. Wenn man sich über einen langen Zeitraum angewöhnt hat, dass Abstand Sicherheit bedeutet und Nähe möglicherweise Gefahr, legt man diesen Schalter nicht einfach von heute auf morgen wieder um.
Das Leben wieder zurückholen
Als mir mein eigener Rückzug bewusst wurde, begann ich ganz gezielt, etwas daran zu ändern. Ich traf wieder häufiger Menschen, unternahm mehr und versuchte, bei einer Einladung nicht automatisch zuerst darüber nachzudenken, ob es vielleicht sicherer wäre, zu Hause zu bleiben.
Heute ist mein Leben noch immer nicht genauso wie vor der Pandemie und vielleicht wird es das auch nie wieder. Aber es ist schon sehr viel besser geworden. Ich habe mir vieles zurückgeholt und gelernt, wieder entspannter mit Situationen umzugehen, die für mich lange Zeit mit Angst verbunden waren.

Dabei musste ich auch akzeptieren, dass Leben niemals vollkommen sicher ist. Für mich als Transplantierte war es das schließlich auch vor Corona nicht. Vorsicht gehört zu meinem Leben, genauso wie die Immunsuppression und ein erhöhtes Infektionsrisiko. Aber Angst soll nicht mein Leben bestimmen.
Und dann kam Corona ein zweites Mal
Dass meine erste Infektion so mild verlaufen war, hatte Corona viel von seinem Schrecken genommen. Bei meiner zweiten Begegnung mit dem Virus wurde ich allerdings daran erinnert, dass nicht jede Infektion gleich verläuft.
Ausgerechnet während einer Reha wurde ich erneut positiv getestet und musste eine Woche isoliert auf meinem Zimmer bleiben. Dieses Mal ging es mir deutlich schlechter. Zwei Tage lang kam ich praktisch überhaupt nicht aus dem Bett und mir war hundeelend. Der Verlauf fühlte sich an wie eine richtig heftige Grippe. Aber auch diese Infektion ging vorbei. Langsam wurde es besser und irgendwann kehrte wieder Alltag ein.

Was von Corona geblieben ist
Wenn ich heute auf diese Jahre zurückblicke, denke ich nicht mehr zuerst an Masken, Impfungen, Tests oder Inzidenzen. Ich denke vielmehr daran, was diese Zeit mit uns Menschen gemacht hat.
Corona hat Spuren hinterlassen – bei mir ganz sicher und vermutlich auch bei vielen anderen. Manche davon sind sichtbar, andere nicht. Bei mir waren es vor allem der Rückzug, verschwundene Gewohnheiten und eine Vorsicht, die sich irgendwann verselbstständigt hatte. Vor allem aber war es die Erkenntnis, dass man nach einer langen Ausnahmesituation nicht automatisch dort weitermacht, wo man vorher aufgehört hat.
Heute treffe ich wieder Menschen, unternehme Dinge, gehe wieder mehr raus und genieße mein Leben. Vielleicht nicht ganz so unbeschwert wie früher, aber sehr viel unbeschwerter als noch vor ein paar Jahren.
Denn wenn mir diese Pandemie eines besonders deutlich gezeigt hat, dann wie kostbar die Dinge sind, die wir normalerweise für selbstverständlich halten: Nähe, Gemeinschaft, Freiheit und einfach mit anderen Menschen zusammen sein zu können.
Auf eine weitere weltweite Pandemie kann ich allerdings sehr gut verzichten.
Ob uns dieser Wunsch erfüllt wird? Darauf würde ich lieber nicht wetten …
